Über Bodynamic

Der Bodynamic Ansatz -die körperorientierte Psychotherapie und Analyse- ist eine wegbereitende, neue Methodik der somatischen Entwicklungspsychologie und Psychotherapie, die aktuelle Untersuchungsergebnisse aus den Bereichen der psychomotorischen Entwicklung von Kindern, der Kognitiven- und Tiefenpsychologie, und der Hirnforschung integriert.

Ein besonderer Focus liegt auf der Qualität des Kontakts und auf einer gesunden Beziehung.

Der menschliche Körper wird durch ein präzises Wissen um die psychologische Funktion jedes einzelnen Muskels, basierend auf einer 30 Jahre langen systematischen Studie der kindlichen Entwicklung und der psychotherapeutischen Arbeit mit Erwachsenen Klienten, in den therapeutischen Prozess mit einbezogen. Eine grundlegende Prämisse des Bodynamic Ansatz ist, das die (chronische) Anspannung von Muskeln dem Kind hilft, mit schmerzlichen Emotionen im Laufe der kindlichen Entwicklung umzugehen. Diese Muskeln werden als “hyperton” oder “hyper-reaktiv” bezeichnet. Unter anderen Umständen kann ein Muskel aber auch erschlaffen und “aufgeben”, unfähig, mit einer überwältigenden Situation fertig zu werden. Diese letzteren werden “hypoton” oder “hypo-reaktiv” genannt.

Lisbeth Marcher und ihre Kollegen fanden auch heraus, dass jeder einzelne Muskel sowie die mit ihm in Verbindung stehenden Muskelgruppen mit einer ganz bestimmten Phasen der kindlichen und später der adoleszenten Entwicklung in direktem Bezug stehen; Sowie außerdem mit einer ganz bestimmten Ego Funktion. Jeder Muskel in einer bestimmten Entwicklungsphase entspricht einer bestimmten psychischen Funktion. Bei der Anwendung dieses Wissens in der Praxis entwickelte das Bodynamic Team zwei völlig neue Modelle, die in der Praxis gezielt als psychotherapeutische Instrumente eingesetzt werden: Die Bodynamic Charakterstrukturen und die Bodynamic Ego Funktionen (beide werden anschließend noch näher erläutert).

Einzigartig ist der Bodynamic Ansatz mit seiner Betonung auf dem Aufbau von eigenen Ressourcen als Basis eines inneren Gefühls der Sicherheit. Ein qualifizierter Therapeut, der in diesem umfassenden Ansatz ausgebildet wurde, kann erkennen, welche altersangemessenen Ressourcen ein Klient aktivieren muss. Des Weiteren mit welchen
altersspezifischen Bewegungen er arbeiten muss, um die Muskeln einer bestimmten Entwicklungsphase zu aktivieren. Wenn der Klient sich wieder vergessene, innere Ressourcen zugänglich macht, oder sogar neue entwickelt, wird er oder sie befähigt, tiefer liegenden Schichten traumatischer Erfahrungen zu heilne. Ressourcenaktivierung und das Bewusstsein um eigene Stärken geben dem Klienten die Möglichkeit, viel freier und selbstsicherer neuen Lebenserfahrungen zu begegnen.

Ein grundsätzliche Annahme des Bodynamic Ansatz ist, dass das menschliche Wesen ein soziales Wesen ist, das durch seine Suche nach Kontakt und Verbindung zu und mit anderen angetrieben wird, ohne dabei gleichzeitig seinen Stolz und seine Würde zu verlieren. Dieses kindliche Grundbedürfnis nennt Lisbeth Marcher “Gegen­seitige Verbundenheit” (Mutual Connection). Verhaltensauffälligkeiten von Erwachsenen gründen vielfach auf der Störung oder gar dem Bruch einer gesunden Verbundenheit oder Bindung, wie sie Kinder während einer oder auch mehrerer kindlicher Entwicklungs­phasen erleben.

Die kindliche Entwicklung ist ein wunderbarer und gleichzeitig auch ein sehr komplexer Prozess.  Neben den körperlichen Entwicklungsschritten, wie z.B. Sitzen, Kriechen, Krabbeln und Gehen, die das Kind meistern muss, durchläuft es verschiedene Stadien emotionaler und psychologischer Entwicklung -um nicht zu sagen der Transformation. Dabei wird es von dem Wunsch nach gegenseitiger Ver­bundenheit mit den anderen und mit der Welt um es herum angetrieben.
Folglich wird diese Entwicklung durch das Erleben von Stress (normaler und/oder unnormaler) und (Entwicklungs-) Traumata maßgeblich beeinflusst. In dem Maße, wie die Bemüh­ungen des Kindes nach gegenseitiger Verbundenheit frustriert werden, wird es eine Abwehr sowohl auf körperlicher wie auch auf psychologischer Ebene entwickeln, die sich später im Körper wie auch in der Persönlichkeit manifestieren und sichtbar sein wird. Mit der weiteren Entwicklung dienen frühere Abwehrmechanismen als Basis für spätere Beziehungsmuster, die sich ihrerseits zu neuen Abwehr­mechanismen entwickeln.

Der Bodynamic Ansatz operiert unter der Prämisse, das Abwehrmechanismen einen zugrunde liegenden Sinn haben, und werden deshalb nur mit großer Vorsicht angegangen. Abwehrmechanismen können quälend sein, aber sie sind gleichzeitig auch kreative Überlebensstrategien. Wenn wir dies verinnerlicht haben, werden wir uns selbst, so wie wir sind, und auch anderen Menschen, mehr Toleranz entgegen bringen, anstatt den Anspruch zu haben, anders sein zu müssen.

In dem Maße wie der Klient sich so, wie er ist, unterstützt fühlt und neue Erfahrungen gesunder Verbindungen und Kontakte verinnerlicht, wird er weniger und weniger an alten Abwehrhaltungen festhalten müssen und das Abwehrverhalten wird auf natürliche Art und Weise fallen gelassen.

Die Schlüsselkonzepte des Bodynamic Ansatzes: Gegenseitige Verbundenheit und Individuelle Würde:

Die Bodynamic Analyse geht besonders auf das ständige Zusammenspiel und die Balance zwischen gegenseitiger Verbundenheit auf der einen und individueller Würde auf der anderen Seite ein. Charakterliche Abwehrhaltungen entstehen aufgrund des tiefen Bedürfnisses des Kindes nach einem größtmöglichen Grad an gegenseitiger Verbundenheit mit seinen primären Bezugspersonen – manchmal auf Kosten seiner/ ihrer individuellen Würde.

In der ersten Person gesagt: “Genauso, wie ich gegenseitige Verbundenheit eingehen oder aufgeben kann, so kann ich auch individuelle Würde behalten oder aufgeben. Um meine individuelle Würde in der Interaktion mit anderen Personen zu behalten, muss ich mich selbst respektieren, damit  meine Art zu sein, meine Gefühle und meine Aktionen mit meinem authentischen Selbst übereinstimmen – meinen wirklichen Bedürfnissen, Impulsen, Vorlieben, Wünschen und Sichtweisen.
Ich kann meine Würde verlieren, wenn mich die Interaktion mit einer Person oder Personen so sehr überfordert, dass ich mich innerlich von dem Kontakt zurückziehen müsste, die Verbundenheit aufgeben müsste, es aber nicht tue. Stattdessen behalte ich den Kontakt bei, muss dafür aber meine individuelle Würde aufgeben.

Das Bodynamic Charakterstruktur Modell ist – unter anderem – eine Enzyklopädie der verschiedenen Charakterstruktur Positionen (Körperhaltungen), die Aufschluss darüber geben, warum und auf welche Art und Weise eine bestimmte Person Kontakt auf Kosten seiner Würde hält – um mit einer Person oder einer Situation, die unerträglich ist, in Kontakt zu bleiben, weil es in diesem Fall zu viel Angst macht, den Kontakt zu einer bestimmten Person zu verlieren und der Verlust der eigenen, individuellen Würde die weniger unangenehme Wahl in diesem Augenblick ist.
Und umgekehrt hat jede Person sich irgendwann von einem Kontakt zurückgezogen, der zu herausfordernd war, um gleichzeitig die eigene individuelle Würde zu bewahren. Das erklärt ein anderes Extrem menschlichen Verhaltens, das wir oft beobachten: Keine gegenseitige Verbundenheit, aber sehr viel individuelle Würde in großer Einsamkeit.

Der Bodynamic Ansatz legt Wert darauf, bewusste Entscheidungen hinsichtlich unserer Interaktionen und unserer Begegnungen treffen, damit wir nicht unsere innere Integrität – unsere individuelle Würde kompromittieren müssen, nur um Kontakt zu haben. Wir lernen, ein Gleichgewicht zu schaffen und beizubehalten, das sowohl einen tiefen Kontakt mit anderen Personen einschließt als auch das Bewahren unseres Selbstgefühls, indem wir unsere eigene, individuelle Würde respektieren.

“Auf eine sehr reale Art und Weise ist alles Leben miteinander verwoben.
Alle Menschen sind in einem Netz gefangen, in dem jeder mit jedem verbunden ist. Eingebunden in den großen Stoff des Schicksals.
Was immer den einen berührt, wird automatisch indirekt auch alle anderen berühren.
Ich werde niemals das sein, was ich sein könnte, wenn du nicht wirst, was du sein könntest; Und du wirst niemals sein, was du sein könntest, wenn ich nicht zu dem werde, das ich sein könnte.
Das ist die in gegenseitiger Beziehung stehende Struktur der Realität.”

Rev. Martin Luther King