Charakter Strukturen

Charakterstrukturen und entwicklungsorientiertes Modell Der Gelehrte und Reich-Experte, Dr. David Boadella, Direktor von Biosynthesis (und früherer Vorsitzender der EABP – der Europäischen Vereinigung körper­orientierter Psychotherapie), nennt Lisbeth Marcher “das skandinavische
Ver­mächtnis Wilhelm Reichs”.
Er beschreibt das Charakterstrukturen Modell des Bodynamic Ansatzes als das fortgeschrittenste Modell, das die neue Generation körperorientierter Psycho­thera­peuten aus Europa hervorgebracht hat, da es bedeutend über die Modelle von Wilhelm Reich, Frank Lake, Alexander Lowen und anderen Theoretikern der körperorientierten Psychotherapie hinausgeht.
Gemäß dem Bodynamic Ansatz durchläuft die Entwicklung des Kindes eine Abfolge von spezifischen, sich überschneidenden Phasen, angefangen vom zweiten Trimester in utero bis zum 12. Lebensjahr. Auch die Adoleszenz stellt eine wichtige Periode der persönlichen Entwicklung dar und auch das spätere Leben im Erwachsenenalter durchläuft bestimmte Entwicklungsphasen. Diese können mit den Charakter­strukturen, die sich in der Kindheit und Adoleszenz entwickelt haben, interagieren oder diese auch überlagern.

Die Charakterstrukturen im Einzelnen:

(nach dem Kernthema bzw. -en benannt)
Die Existenzphase
 (vom 2ten Trimester in utero bis zu 3 Monaten)

Existence Character Structure

Ein Recht auf Existenz und eine sichere Bindung. Sowie Themen und Eindrücke rund um die Geburt.t

Die Bedürfnisphase
(ab Geburt bis 1,5 Jahre)

Need Character Structure

Das Recht eigene Bedürfnisse zu spüren und auszudrücken.

Die Autonomie und Explorationsphase
(von 8 Monaten bis 2,5 Jahre)

Autonomy Character Structure

Das Recht neugierig zu sein und die Welt zu explorieren; Sowie gleichzeitig im Kontakt zu bleiben und Unterstützung zu erfahren, wenn notwendig.

Die Willens-Phase
(ab 2 bis 4 Jahren)

Will Character Structure

Die Fähigkeit zu planen, Prioritäten zu setzen sowie Auszuwählen und die eigene Kraft/Willen einzusetzen, um Ziele zu erreichen.

Die Phase der Entdeckung von Liebe und Sexualität:

(ab 3 bis 6 Jahre)

Love-Sexuality Character Structure

Die Fähigkeit, einen Ausgleich zwischen Liebe einerseits und Sinnlichkeit/Sexualität andererseits zu finden. Die Fähigkeit, “Allianzen” einzugehen und verschiedene Rollen einzunehmen.

Die Phase der Gruppenzugehörigkeit und des eigenen Standpunktes
 (ab 5 bis 8 Jahre)

Opinion Character Structure

Die Fähigkeit, sich eine eigene Meinung zu bilden und diese suszudrücken, inklusive Werte, Normen und Regeln.

Die Phase der Solidarität in der Gruppe und des individuellen Ausdrucks
 (ab 7 bis 12 Jahre)

Solidarity-Performance Character Structure

Die Fähigkeit, sein/ihr Bestes zu geben und gleichzeitig anderen zu helfen und sie zu unterstützen, damit die Gruppe als Ganzes optimal funktionieren kann.

Pubertät
(ab 11 bis 21 Jahre)

Puberty Character Structure

Entscheidungen die man in diesen Jahren macht, bauen so zu sagen auf die vorangehenden Phasen.

 

Die “Positionen” der Charakterstrukturen

Wir unterscheiden drei mögliche Positionen oder Haltungen – jeweils als direktes Ergebnis jeder Charakterstruktur und der dazu gehörigen Themen, wie sie in der Eltern-Kind Interaktion auftreten:

Ausgeglichen: Damit das Kind sein “wahres Selbst” sein kann, sollte die Be­elterung während der frühen Phasen (Strukturen) der Kindheit angemessen – oder nach Winnicott – zumindest ausreichend sein; Während der späten Phasen (Struk­turen) spielt das soziale Umfeld eine fast genauso wichtige Rolle wie die Beelterung. Gute Beelterung und ein gutes soziales Umfeld stellen sicher, dass das Kind einen tiefen Kontakt zu sich und anderen halten kann, während es in den jeweiligen Ent­wicklungs­phasen altersentsprechende Fähig­keiten und Fertigkeiten erlernt. Wir beschreiben diese gesunde Entwicklung mit dem Wort “ressourced” (auf Deutsch in etwa umschrieben: jemand, der auf viele Ressourcen zurückgreifen kann).

Früh:  Wenn es in einer bestimmten Entwicklungsphase schon sehr früh oder zu sehr massiven Störungen kommt, wird das Kind sehr wahrscheinlich seine alters an­ge­mes­senen Impulse sich auszudrücken und zu fühlen aufgeben. Fähigkeiten und Potentiale werden unausgedrückt bleiben oder aber gänzlich aufgegeben. Im Erwachsenenalter werden sie unbewusst und unzugänglich bleiben; Das nennen wir eine “frühe” Haltung. Dies ist der Ursprung psychologischer Resignation.

Spät: Wenn die Störungen in einer bestimmten Entwicklungsphase später auftreten und/oder weniger massiv sind, wird die Person die Tendenz haben, Impulse sich auszudrücken oder zu fühlen zurückhalten, oder die Impulse sind mit einer gewissen Starre und Rigidität verbunden;  Das nennen wir eine “späte” Haltung. Dies ist der Ursprung psychologischer “Rigidität und Panzerung”.

Sowohl die frühe als auch die späte Haltung führen zu einer Verzerrung des Selbst und der Beziehungen, die eine Person eingeht. Zum Beispiel wird in der “Bedürfnis” Struktur die frühe – oder auch resignierte Haltung – die “Verzweifelnde” Haltung genannt.  Die rigide oder späte Haltung wird die “Mißtrauische” Haltung genannt; Und die gesunde oder ausgeglichene wird “Selbst Befriedigende” Haltung genannt.

Stellen sie sich für einen Augenblick ein kleines Baby vor, dessen Überleben völlig davon abhängt, dass seine Grundbedürfnisse befriedigt werden. Wenn dieses Baby keine Sicherheit bezüglich dieser Befriedigung erfährt, wird es in tiefe Verzweiflung fallen. Eines anderen Kindes Bedürfnisse werden vielleicht einmal erfüllt, dann wieder nicht. Dieses Baby wird ein Mißtrauen gegenüber seinen Bezugspersonen entwickeln. Ein Kind, dessen Bedürfnisse von seiner Mutter befriedigt werden, wird sehr wahr-scheinlich Selbstzufriedenheit erfahren; Unabhängig davon, ob es um Nahrung, Sicherheit, Liebe, Spielen oder um eine saubere Windel geht.

Wohingegen die frühen körperorientierten Psychotherapeuten Reichs’ Konzept der Körperpanzerung und der Rigidität folgten, stellte sich dieser in der Praxis des Bodynamic Ansatz als unzureichend heraus. Klienten, die ausschließlich an ihrer “Panzerung” arbeiteten, schienen in ihrem Alltagsleben einen Teil ihrer Fuktionalität einzubüßen. Als sich die Pioniere des Bodynamic Ansatzes dieser Tatsache bewusst wurden, untersuchten sie die Reaktionsfähigkeit der Muskeln und formulierten ihre Konzepte der hypotonen und der neutralen Muskelreaktionen ergänzend zur Rigidität.

Wohingegen andere Ansätze die Möglichkeit einer hypotonen Resignation des Muskels zu ignorieren scheinen, war der Bodynamic Ansatz einer der ersten, der eine körper-dynamische Herangehensweise entwickelte, die versuchte, hypotone Muskeln so zu unterstützen – was wir Resourcing nennen -, dass hypertone Muskeln sich auf eine natürlichere Art und Weise entspannen konnten, die das Gesamtsystem weniger destabilisierten. Der Bodynamic Ansatz richtet seinen Fokus auf Integration, anstatt auf Fragmentierung, wie sie immer wieder bei den streng auf Reich ausgerichteten Ansätzen auftritt.

Das Konzept der hypo-Reaktionsfähigkeit von Muskeln des Bodynamic Ansatzes ist einzigartig. Muskeln, die hyporeaktionsfähig sind, brauchen Unterstützung und Kontakt, um “nachzureifen”.  Neutrale Muskel-Reaktionsfähigkeit ist eben­falls ein einzigartiges Konzept des Bodynamic Ansatzes. Neutrale/ausgeglichene Muskel-Reaktionsfähigkeit unterstützt die Entwicklung neuer psychologischer Ressourcen, oder auch die Möglichkeit, andere Entscheidungen zu treffen.

Neue therapeutische Möglichkeiten

Diese neue Fähigkeit, psychologische Resignation zu erkennen und damit zu ar­beiten und dadurch neue Ego Ressourcen zu entwickeln, hebt die Möglichkeiten der Psycho­therapie auf eine neue Ebene. Während wir in dem Kontext einer therapeutischen Beziehung arbeiten, lernt der Klient, nicht entwickelte Impulse und Fähigkeiten neu zu erwecken.

Das Aufbauen neuer Ego Ressourcen – körperlicher wie psychologischer Art – , und zwar genau derjenigen, die uns am meisten fehlen und die wir deshalb am meisten brauchen, hilft uns besonders beim Durcharbeiten unserer entwicklungs­ge­schich­tlichen Themen (sowie Entwicklungstraumata), indem sie uns bestärken und uns innere Sicherheit geben.

Das Arbeiten an der körperlichen Resignation gibt der körper­orien­tierten Psycho­therapie ganz neue Möglichkeiten an die Hand: Sie ermöglicht es dem Therapeuten zu verstehen, wann es notwendig ist, unterstützend und sanft zu arbeiten, um neue Ressou­rcen zu entwickeln, oder alte wiederherzustellen, die aufgegeben wurden. Der therapeutische Prozess ist nicht durch ein Brechen von Widerständen oder durch das Befreien von Emotionen gekenn­zeichnet, sondern dadurch, dass Klienten durch eine Vertiefung oder auch Wieder­er­weckung der Körperwahrnehmung stufenweise transformiert werden. Dieser Prozess weckt Ressourcen tief im Inneren, die so ermutigt werden, wieder aufzutauchen.

Übertragung und Gegenübertragung

Übertragung und Gegenübertragung sind wichtige Instrumente, um alte Muster der kindlichen Entwicklung zu heilen. Gemäß Boadella (und anderen vor ihm) spiegelt die Übertragung die Geschichte früher Muster, auf psychologischer wie auf muskulärer/ körperlicher Ebene wieder, die dann auf den Therapeuten bzw auf andere Gruppenteilnehmer übertragen werden.

Viele Jahre der Erfahrung in der Ausbildung von Psychotherapeuten, die zuvor mit anderen Modalitäten gearbeitet haben, haben gezeigt, dass das Charakterstruktur Modell ein sehr differenziertes und effektives Modell ist, um Übertragungs- und Gegenübertragungsmuster zu beschreiben.
Das Charakterstruktur Modell beschreibt die Muster der Muskel-Reak­tions­fähigkeit im Zusammenhang mit anderen Mustern, wie im Kontakt, in sozialen Interaktionen und im Verhalten.

Mit Hilfe des Charaktersruktur Modells ist es dem Therapeuten möglich, Übertragungs­muster sehr präzise zu bestimmten Entwicklungsphasen und Themen zurückzuführen und sodann spezifische “Elternbotschaften”, Beziehungsmuster sowie motorische/kör­perliche Übungen einzusetzen.
Durch die Schaffung eines neuen Beziehungsmusters im Rahmen der Übertragung und Gegenübertragung mit dem Therapeuten oder Trainer wird dem Klienten eine neue Beziehungserfahrung ermöglicht, die er/sie dann ins tägliche Leben übertragen kann.

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Anne Isaac, MSW, LCSW Certified Bodynamic Analyst and Trainer, PTSD Trauma Trainin, in Calefornien,  hat die frühen und späten Karakterstrukturpositionen in diesen kurzen Videoschnitts sehr schön dargestellt (die Links führen zu YouTube):

Existenz, die frühe Position (mental)
Existenz, die späte Position, (emotional)

Die Bedürfnisphase, die frühe Position (verzweifelt)
Die Bedürfnisphase, die späte position (misstrauisch)

Die Autonomie und Explorationsphase, die frühe Position (nonverbal aktivitätsändernd)
Die Autonomie und Explorationsphase, die späte Position (verbal aktivitätsändernd)

Die Willens-Phase, die frühe Position (aufopfernd)
Die Willens-Phase, die späte Position (verurteilend)

Die Phase der Entdeckung von Liebe und Sexualität,die frühe Position (romantisch)
Die Phase der Entdeckung von Liebe und Sexualität, die späte Position (verführend)

Die Phase der Gruppenzugehörigkeit und des eigenen Standpunktes, die frühe Position (beleidigt)
Die Phase der Gruppenzugehörigkeit und des eigenen Standpunktes, die späte Position (rechthaberisch)

Die Phase der Solidarität in der Gruppe und des individuellen Ausdrucks, die frühe Position (ausgleichend)
Die Phase der Solidarität in der Gruppe und des individuellen Ausdrucks, die späte Position (konkurrierend)